Kontrolle oder Freiheit – Queere Lebenswege in der DDR

Am 25. März 2025 fand im Martin-Luther-King-Zentrum Werdau die Veranstaltung "Queer in der DDR – Gespräch mit Zeitzeug:innen und Expert:innen" statt. Die Veranstaltungsreihe von "Kontrovers vor Ort" beleuchtet in Kooperation mit der Sächsischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, dem Landesverband Soziokultur Sachsen e. V. und dem Sächsischen Volkshochschulverband die Lebensrealitäten queerer Menschen in der DDR.

 

Der Begriff "queer" wird heute als Sammelbegriff für sexuelle Orientierungen und Geschlechtsidentitäten verwendet, die nicht der gesellschaftlichen Norm von Heterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit entsprechen.

Unter der Moderation von Barbara Wallbraun, der Regisseurin des Dokumentarfilms "Uferfrauen – Lesbisches L(i)eben in der DDR", diskutierten die Zeitzeugin Elke Prinz und Historikerin Dr. Teresa Tammer, Stellvertretende Sächsische Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, über persönliche Erfahrungen, historische Entwicklungen und die heutige Erinnerungskultur.

Leben als queere Person in der DDR: Unsichtbarkeit und Widerstand

Zu Beginn des Gesprächs betonte Teresa Tammer die gesellschaftliche Grundhaltung in der DDR gegenüber queeren Menschen: "Die Gesellschaft war sehr deutlich homophob." Obwohl die DDR Homosexualität 1968 entkriminalisierte und damit früher als die Bundesrepublik agierte, waren homosexuelle Menschen weiterhin struktureller Diskriminierung ausgesetzt. Insbesondere der § 151 StGB-DDR, der sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Jugendlichen kriminalisierte, führte zu anhaltenden Unsicherheiten und möglichen Repressionen.

Elke Prinz berichtete eindrücklich von persönlichen Erlebnissen und den wenigen Freiräumen, die sich queere Menschen erkämpfen konnten. Sie erinnerte sich an die Situation, als ihr Vater sie mit ihrer Freundin im Bett überraschte, und beschrieb den Mut, den es erforderte, in der Öffentlichkeit Hand in Hand durch den Ort zu laufen. "Wir haben es einfach gelebt!", fasste sie ihre Haltung zusammen. Sie wies gleichzeitig darauf hin, dass die strukturellen Unterschiede zwischen Ost und West unübersehbar waren: "Während in der DDR nur zwei Bücher zum Thema Homosexualität verfügbar waren, gab es in der Bundesrepublik ganze Buchläden."

Kirchliche Räume spielten eine besondere Rolle als Treffpunkte für die queere Community. Dort fanden Partys und Kontaktmöglichkeiten statt, oft mit Aushängen in Schaukästen. Diese Orte boten Schutz, waren jedoch stark von der Toleranz einzelner Pfarrerinnen und Pfarrer abhängig. Tammer merkte an, dass die Existenz solcher Nischen zugleich verdeutliche, dass es im öffentlichen Raum kaum andere Begegnungsmöglichkeiten gab.

Staatliche Kontrolle und Überwachung

Ein zentrales Thema war die systematische Überwachung durch die Staatssicherheit (Stasi). Während es laut Tammer keine flächendeckende Erfassung queerer Menschen gab, standen Arbeitskreise und Clubs, in denen sich die Szene politisierte, unter intensiver Beobachtung. Die Stasi sah in diesen Gruppen ein Mobilisierungspotenzial und schleuste Informelle Mitarbeiter (IM) in Leitungskreise ein. Telefonüberwachung, Postkontrollen und die Angst vor strafrechtlicher Verfolgung gehörten für engagierte Personen zum Alltag. 

Während einige IM hofften, durch ihre Berichte an die Stasi die queere Community sichtbarer zu machen, führte genau diese Form der staatlichen Einflussnahme zu weiterer Stigmatisierung, Vertrauensverlust und Verfolgung innerhalb der Szene. Tammers Fazit: "Man musste immer damit rechnen, strafrechtlich verfolgt zu werden, vor allem die engagierten Menschen."

Politische Veränderungen und die Zeit der Wende

Die Zeit der Friedlichen Revolution 1989/90 markierte einen Wendepunkt auch für queeren Aktivismus in der DDR. In dieser Phase wurde der § 151 abgeschafft, was einen wichtigen rechtlichen Fortschritt für queere Menschen bedeutete. Eine der positiven Entwicklungen jener Zeit war die Gründung des Schwulenverbandes in Deutschland (SVD) in der DDR, aus dem später der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) hervorging. Tammer hob hervor, dass Vereine wie der Gerede e. V. in Dresden oder der RosaLinde Leipzig e. V., die in der DDR entstanden, bis heute wichtige Anlaufstellen sind.

Doch die Wendezeit war auch für Elke Prinz von Konflikten geprägt. Sie berichtete von Ausgrenzungserfahrungen innerhalb der westdeutsch geprägten Lesbenbewegung: "Weil wir ein Kind hatten, haben wir uns für die West-Lesben disqualifiziert.“

Gegenwart und Ausblick: Herausforderungen bleiben

Trotz rechtlicher Fortschritte wie der Eheöffnung und des Selbstbestimmungsgesetzes besteht laut Tammer weiterhin Handlungsbedarf. Insbesondere Transpersonen seien in der Gesellschaft stark von Diskriminierung betroffen. Besorgniserregend sei zudem das Erstarken autoritärer und nationalistisch orientierter Kräfte, die aktiv die Rechte von marginalisierten Gruppen in Frage stellen und deren Diskriminierung vorantreiben.

Ein weiteres Problem sieht Tammer in den zunehmenden finanziellen Kürzungen: "Die Bildungsarbeit durch Vereine geht verloren." Ohne ausreichende Förderung drohe ein Verlust der historisch-politischen Bildungsarbeit, die essenziell sei, um queere Geschichte zu bewahren und Diskriminierung entgegenzuwirken.

Abschließend plädierte Tammer dafür, bestehende Strukturen zu stärken und zu pflegen. Die Sichtbarkeit queeren Lebens sei heute größer als je zuvor, aber die Errungenschaften seien keineswegs gesichert. Der Abend machte deutlich, dass die Auseinandersetzung mit der queeren Geschichte der DDR nicht nur eine historische Notwendigkeit ist, sondern auch eine politische Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft darstellt.

Das war eine Veranstaltung in Kooperation mit der Sächsischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, der Volkshochschule Zwickau und dem Martin-Luther-King-Zentrum Werdau.

Die Veranstaltungsreihe "Queer in der DDR" wird in den kommenden Monaten in weiteren Städten fortgesetzt. Erfahren Sie mehr über persönliche Geschichten, staatliche Repressionen und die bleibenden Herausforderungen am:

8. April um 19 Uhr in Dresden

29. April um 19 Uhr in Torgau

13. Mai um 19 Uhr in Leipzig

20. Mai um 19 Uhr in Görlitz

27. Mai um 18 Uhr in Dresden

3. Juni um 19 Uhr in Hoyerswerda